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Tim Brief von Tim zur neuen Home der Bunten Lesben

 

Kocherscheidt, Tim

                                                Mein Weg  (Kurzform)

 

So, nun haben wir den Salat .  Eine Freundin  bat mich, doch mal ein wenig über mich zu schreiben. Dabei hatte ich gehofft, mit der ganzen Geschichte endlich abgeschlossen zu haben - wobei  noch gar nicht alles 100%ig erledigt ist.  Weswegen ich überhaupt schreiben soll? Ganz kurz erklärt. Diese Freundin von der ich spreche heißt Claudia , ist Lesbe , schneidet mir die Haare und ist wohl bei Eurer Zeitung sehr engagiert. Wir kennen uns schon einige Jahre ,und sie hat meinen ersten Schritte ins neue Leben miterlebt. So, jetzt zur Sache - ich bin Transsexuell  , lebe schon seit ca. 6 Jahren als Mann und bin mehr als glücklich in meinem Leben . Claudia war der Meinung, dass es wohl einigen Leuten helfen könnte.

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht so ganz, wo ich anfangen soll. Also, als Kind war ich nicht gerade einfach. Freunde hatte ich keine , da ich wohl eine Art an mir hatte, wo nur wenige Menschen mit zurecht kamen. Mit den Mädchen zusammen mit Puppen spielen wollte ich nicht, und mit den Jungen Cowboy, etc. spielen durfte ich nicht. Das war auch im Jugendlichen Alter nicht anders. Ich bin in der Schule vom Gymnasium bis zur Hauptschule abgesackt – und kam eigentlich nirgendwo richtig zurecht.

Zu Hause bei meinen Eltern war es auch immer sehr schwer.  Mit meinem Adoptivvater habe ich herbe Schwierigkeiten gehabt. Wir haben uns nur gestritten. Auch habe ich einen „Halbbruder“, auf den ich als „Bio-Mann“ immer eifersüchtig war. Zu ihm habe ich heute keinen Kontakt mehr. Meine Mutter ist heute von diesem Mann getrennt – Gott sei Dank-. Und seit ich endlich so leben darf, wie ich es schon seit langen wollte, habe ich ein Bomben – Verhältnis zu  ihr. Auch mit meiner Oma gibt es keine Probleme. Mein Opa ist leider vor fast 3 Jahren gestorben, aber er hatte für mein Problem mehr Verständnis wie mach jüngerer Mensch . Bestes Beispiel ist meine Tante , ihres Zeichens Lesbe , hat mich als Verräter am Geschlecht bezeichnet.

So, wieder zu meinem Leben. Meine Güte, wenn ich daran denke wie oft ich damals nach der Schule zu Hause ein- und wieder ausgezogen bin . Und wie viele Arbeitsstellen ich hatte, du liebe Güte. Und all das nur, weil ich nicht wusste, wie ich mein Leben meistern sollte. Ich habe meiner Familie so viel Kummer und Ärger gemacht. Heute tut mir das alles ganz furchtbar leid.

Mitten in mein „Lebens-Chaos“ kam die Fernsehsendung „Hans Meiser“ - glaube ich- . Dort habe ich das Wort Transsexuell zum ersten mal gehört. Es dauerte aber einige Tage, bis ich mir eingestehen konnte, das das eventuell was mit mir zu tun haben könnte. Bis dahin bin ich ja immer davon ausgegangen, dass ich lesbisch bin. Ja, ich hatte ein paar „Beziehungen“ mit Frauen, aber die haben alle nicht lange gedauert, da ich schnell merkte, dass sie nur die Frau in mir sahen, - dabei wollte ich das gar nicht. Auch mit Claudia war ich zusammen- mit dem selben Ergebnis. Sie wusste was mit mir los war und wir sind einfach nur Freunde geblieben.

Zurück zum Thema. Ich habe dann über diese Fernsehsendung die Telefonnummer von einer Selbsthilfegruppe aus Essen bekommen. Ich bin dann zu einem Treffen dieser Gruppe hingefahren. Als ich eine Stunde da saß und mir die Gespräche angehört habe , wusste ich, das das mein ganzes Problem war . Aber wo fängt man an dieses Problem zu lösen? Ich sah einen Riesenberg Probleme auf mich zu kommen. Aber das war mir egal- ich musste das in Angriff nehmen, weil ich sonst am Leben zerbrochen wäre. Wahrscheinlich würde ich heute nicht mehr leben.

Bei dieser Gruppe habe ich Mark kennen gelernt, dem ich sehr viel zu verdanken habe.  Er hat mir alle wichtigen Unterlagen von sich kopiert, die ich für die ersten Schritte benötigte. Auch Nick , der wie ich in Wuppertal wohnte , war mir eine Hilfe – so wie ich ihm auch.

Mit ihm habe ich heute leider keinen Kontakt mehr, da er  mit seinem Freund in Bochum wohnt und dort auch studiert.

Also, als erstes musste ich mir einen Urologen suchen, der mir die nötigen Hormone verschreibt. Ich musste nicht lange suchen. Im Normalfall muss man von der Krankenkasse eine Zusage haben – wir haben das dann einfach so probiert, und es hat geklappt. Von der ersten Spritze an ging alles sehr schnell. Nach 6 Wochen kam ich in den Stimmbruch und mir wuchs ein kleines Bärtchen. Ich wusste gar nicht, wo einem Mann überall Haare wachsen !? Ist ja enorm.

Jetzt war die Zeit gekommen, da ich es nicht mehr verstecken konnte, und wollte. In meiner damaligen Stammkneipe habe ich mich das erste mal geoutet. Es war viel einfacher als ich dachte. Ich wurde direkt akzeptiert- von allen. Diese Reaktion hatte ich nicht erwartet. Auch die Reaktion meiner Mutter war sehr gefasst. Dummerweise (oder gewollt?) habe ich ihr von meinem Vorhaben vor ihrem Skiurlaub erzählt. Als sie aus diesem Urlaub wiederkam, war das Eis schon fast gebrochen. Anders mein Vater. Er wollte von da an nichts mehr mit mir zu tun haben. -Also, jetzt konnte es nur noch besser  werden.

Während die Hormonbehandlung lief, habe ich beim Amtsgericht Frankfurt ( -ich habe damals in der Nähe von Marburg gewohnt-) meinen Antrag auf Vornamensänderung gestellt. Von diesem Zeitpunkt an muss man mehr als Geduld haben. Wenn man den Leuten nicht dauernd auf den Füßen steht, passiert lange Zeit nichts. Für diese Änderung muss man zwei unabhängige Gutachten haben. Das Gericht hat mir zwei Gutachter vorgeschlagen, aber bei einem Arzt war ich ja schon. Man muss nämlich eine längere Psychotherapie gemacht haben. Der Urologe bei dem ich in Behandlung war, durfte auch dieses Gutachten schreiben – leider hatte er  nicht die Ahnung von der Sache , wie er mir glaubhaft gemacht hatte. Das Gutachten war totale Scheiße. Er hat mir die Worte verdreht, etc.. Als wenn diese ganze Psychosache nicht schon schlimm genug war- ich musste noch zu einem dritten Gutachter.

Während das Verfahren zur Vornamensänderung lief, musste ich mir überlegen, wo ich die geschlechtsangleichende Operation machen lasse. Hier in Deutschland gibt es mehrere Möglichkeiten. Ich bin auch auf der Transsexuellen Messe „Transidenditas“ in Frankfurt gewesen. Dort haben sich einige Ärzte vorgestellt. Die Bilder mit den Operationsresultaten waren aber die reinsten Horrorbilder. Auch dank Marks Hilfe habe ich mich für die Operationsmethode des Dr. Daverio in Lausanne/Schweiz entschieden. Die beste Entscheidung, wie ich heute weiß.

Zu allem Glück fehlte jetzt nur noch, dass die Krankenkasse die Kosten für diese Operation übernimmt. Und das ist nicht wenig. Hier in Deutschland ist das normalerweise kein Problem, wenn man alle Schriftstücke vorlegen kann, die einen solchen Eingriff rechtfertigen. Es hat viel Feingefühl und Beharrlichkeit gekostet, aber letzten Endes hat sie die Kosten übernommen.

Im Juli 95 war es dann endlich soweit. Ich bin mit meiner Mutter in die Schweiz gefahren um endlich meinen Körper meiner Seele anzupassen.

Meine Vornamensänderung war dann im Dezember 95 endlich durch. Ich war frei wie ein Vogel – dieses Gefühl hatte ich. Von dem Tag an ging es mit mir bergauf. Ich bekam einen festen Arbeitsplatz, wo man mich so akzeptierte wie ich war.

Heute lebe ich mit einer Frau zusammen, die ich über alles liebe. Wir haben zwei süße Kinder (leider nicht von mir, aber ich liebe sie trotzdem), jede Menge Haustiere, und ein ruhiges , geregeltes Leben.

Ich weiß genau, dass ich vor meiner furchtbaren Vergangenheit nicht weglaufen kann. Sie wird mich immer wieder einholen, aber inzwischen kann ich sehr gut damit umgehen. Heute kann ich sagen – ich bereue nichts. Wenn ich noch mal solch eine Entscheidung treffen müsste, würde sie genauso aussehen.

Zu meinem absoluten Glück fehlt jetzt nur noch, das ich meine Freundin heiraten kann. Dafür muss ich leider noch mal einen Antrag beim Gericht stellen. Das ist jetzt die sogenannte Personenstandsänderung. Aber man wird es kaum glauben, dafür benötige ich wieder zwei Gutachten. Es wäre zu schön, wenn man die Gutachten von der Vornamensänderung nehmen könnte. ABER DAS WÄRE JA ZU EINFACH !!! Also noch mal zu den Psychofritzen hin – wie grausam. Kopf hoch, da komm ich jetzt auch noch durch.

Als wenn wir nicht schon gestraft genug wären – das Deutsche Transsexuellengesetz schmeißt einem immer mehr Knüppel zwischen die Beine. Aber was soll`s! Man weiß ja wofür !!!!

 

 

Was hat das alles Nerven , Schmerz und Tränen gekostet!? Aber dafür stehe ich heute mit beiden Beinen fest im Leben. In vielen Beziehungen hat mich das alles positiv geprägt.

 

Ich möchte allen Menschen danken, die mich auf diesem schweren Weg begleitet , und die mir geholfen haben , als ich sie am nötigsten brauchte. Irgendwann werde ich mich in irgendeiner Form revangieren   DANKE !

Mein "Coming out"

 

[ Tim ] Brief von Tim ]

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Stand: 16. March 2000