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Dagmar
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Mein Coming Out

 

Über mein Coming Out gibt es eigentlich nicht viel Spektakuläres zu sagen. Außer: es gab keines.

 

Jedenfalls nicht im üblichen Sinne (falls man davon sprechen kann). Solange ich denken kann, verliebe ich mich schon in Frauen. Anfangs waren es eher nur Schwärmereien. Für eine Freundin, eine Bekannte, eine Lehrerin (nein, es war eine Referendarin für Englisch).

 

Den ersten ernsthaften Denkanstoss bekam ich, als in der achten Klasse eine neue Schülerin dazu kam. Da war ich zum ersten Mal im Leben ernsthaft verliebt. Da ich aber aus einer relativen Kleinstadt stamme, kann man sich fast schon lebhaft vorstellen, dass daraus nicht viel geworden ist. Aber eine ganz andere Erfahrung habe ich aus dieser Zeit mitgenommen – eine, die mich vielleicht bis heute noch prägt. Der Umwelt blieb nicht verborgen, dass da was anders ist mit „der da“. Gesagt hat das so natürlich niemand, aber man ließ mich spüren, dass dieses anders sein nicht in Ordnung war. Das hat mich dann zunächst einmal ziemlich erschreckt und ich zog mich in mein Schneckenhaus zurück.

 

Die Frage, ob ich schon mal „was“ mit einem Mann hatte: ja, hatte ich. Ganz kurz und schmerzlos. Um halt eben nicht mehr anders zu sein. Sehr schnell stellte sich aber heraus, dass es nicht das ist, wonach ich suche. Also ließ ich es wieder bleiben.

 

Es folgten ein paar Jahre, die ich vornehmlich damit verbrachte, eine Ausbildung zu Ende zu bringen. Der Rest der Zeit ging für den Sport drauf.

 

So richtig Gas gab ich erst, nachdem ich meine Ausbildung beendet und wegen einer Arbeitsstelle in eine Großstadt umgezogen war. Der Grund des Umzugs war natürlich nicht vornehmlich die Arbeitsstelle, sondern viel eher die Großstadt mit ihren ungeahnten Möglichkeiten in der sogenannten Szene. So gelang es mir, relativ elegant und unbehelligt aus meinem Elternhaus raus zu kommen und endlich das Leben zu leben, was ich schon immer wollte.

 

Aber ohne Hilfestellung ging das nicht. Kontakt zu der Szene bekam ich indirekt durch ein namhaftes Magazin. Eines Tages erschien dort selbst eine Serie zum Thema Lesben in Deutschland (oder so ähnlich). Fasziniert von dem Gedanken, dass es noch mehr wie mich gibt, schrieb ich an die verantwortliche Redakteurin – und bekam Antwort! Inklusive der Adresse einer Frau aus der nächstgelegenen Großstadt (in die ich wenig später wechseln sollte; was mir bis dato allerdings unbekannt war). Ich nahm also Kontakt zu eben dieser Frau auf. Und eben jene Frau führte mich dann in die Szene ein. Danach ging alles wie von selbst.

 

Das Coming Out gegenüber meiner Familie lief ziemlich chaotisch ab. Mein Bruder war der erste, dem ich von meinen Gefühlen erzählte. Er reagierte als einziger von Anfang an mit Akzeptanz. Meine Eltern erfuhren es gar nicht von mir selbst (wahrscheinlich wäre das dann eher nie der Fall gewesen). Mein Bruder <grins> konnte sich dieses ewige „Wieso hat sie noch keinen Freund ?“ nicht mehr anhören. Die Reaktion darauf war natürlich nicht gerade Begeisterung.

 

Das ist bis heute auch noch so geblieben. Sie können oder wollen mein Leben nicht akzeptieren. Und im Hintergrund immer dieses Vielleicht-kommt-ja-doch-noch-der-Richtige. Konsequenz daraus ist, dass wir heute kaum noch Kontakt haben. Vielleicht so einmal in fünf Jahren.

 

Ansonsten bin ich mit meinem Leben rundum zufrieden. Ich lebe in einer Beziehung, wie ich sie immer schon haben wollte. Fühle mich sicher, geborgen und geliebt und am absolut richtigen Platz im Leben.


Dagmar


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Stand: 15. May 2000