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Melanie
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Coming-Out

 

Ich war 18, als ich mein „großes“ Coming-Out wagte. Meine Freunde wussten bereits alle bescheid, nur meine Familie lebte noch (mehr oder weniger) ahnungslos vor sich hin. Meine Freunde hatten es eigentlich alle ziemlich gefasst aufgenommen und so verlief also mein bisheriges Coming-Out ohne nennenswerte Verluste. Allerdings hatte ich meine Freunde bereits von meiner „Andersartigkeit“ informiert, als ich eigentlich noch gar nichts mit einer Frau hatte. Jedoch wusste ich sehr früh, wie es um meine Gefühle bestellt ist und nach einigen Eskapaden (aus Verdrängung) in die heterosexuelle Welt redete ich mit meinen Freunden und  suchte nun also „die“ Frau. Allerdings wollte sich einfach keine Frau von mir finden lassen, die bereit war, mich in die Geheimnisse der Frauenliebe einzuweihen. Ich konnte zwar bisher behaupten, emotional mehr an Frauen gebunden zu sein und bei Frauen sogar die Eigenschaft des Verliebtseins für mich entdeckt zu haben, aber lesbisch war ich doch deswegen noch lange nicht. Die Fakten sprachen da gegen mich. Denn schließlich wusste ich doch nicht, ob ich mit einer Frau wirklich bis zur letzten Konsequenz gehen würde. Also wollte ich meiner Familie so lange nichts erzählen, bis ich im wahrsten Sinne der Worte „handfeste“ Beweise bringen konnte.

Schließlich verliebte ich mich Hals über Kopf in eine Frau. Das war meine Chance!!! Dachte ich. Allerdings war sie eine meiner besten Freundinnen und ziemlich hetero und ich muss dazu gestehen, dass ich sie ziemlich arg überrumpelt habe. Vielleicht hätte ich nicht Coming-Out und Liebesgeständnis in einen Satz quetschen sollen. Frei nach dem Motto: „Hey, ich muss Dir was sagen. Erstens: ich stehe auf Frauen, zweitens: auf Dich!“ Nun ja, glücklicherweise hat sie sich sehr schnell wieder gefasst und die Freundschaft besteht auch heute noch.

Die herzzerreißendste Reaktion allerdings kam von meiner besten Freundin. Wir saßen damals in meiner kleinen Wohnung ( ich bin mit 16 ausgezogen) und feierten zu zweit. Ich war arg nervös, denn ich hatte mir vorgenommen, ihr an diesem Abend von meiner Liebe zu Frauen zu erzählen. Aber ich hatte wahnsinnige Angst vor ihrer Reaktion. Ich wusste, dass ich mit meinem Coming-Out  riskiere, sie zu verlieren. Aber sie war seit Jahren fester Bestandteil meines Lebens und zu diesem Zeitpunkt die einzige Konstante (mittlerweile habe ich den Kreis der Konstanten um einen Kater erhöht) und ich wollte sie nicht verlieren. Ich stammelte also irgendetwas vor mich hin, von wegen ich müsse ihr etwas erzählen und so. Ich druckste ziemlich lange herum, fasste mir aber irgendwann ein Herz, atmete tief durch und versuchte wahnsinnig gefasst und locker zu klingen und sagte dann: „Ich steh auf Frauen.“ Schweißausbrüche waren im Begriff zu folgen und ich drohte schon an einem Herzinfarkt zu sterben, als sie mich nur anguckte und ziemlich trocken meinte: „Na und, deswegen bist Du doch trotzdem noch der gleiche Mensch wie vorher.“ Und damit war das Thema für sie auch schon erledigt. Sie ist auch heute immer noch der Mensch, der am unbefangensten mit mir umgeht. Sie hat mich immer so akzeptiert wie ich war und wie ich bin und sie hat nie versucht, mich zu ändern, was ich ihr sehr hoch anrechne.

Mit gestärktem Selbstbewusstsein machte ich mich also wieder auf die Suche und fand dann auch die erste „waschechte“ Lesbe meines Lebens. Ich ging mit ihr essen und sie fing direkt an zu baggern. Ich war selten so nervös, wie in diesem Moment, allerdings war ich noch so weit bei Verstand, dass ich wusste, dies würde nun wirklich meine Chance sein und ergriff die Gelegenheit auch gleich beim Schopfe. Nach dem ersten Kuss entzündete sich ein riesiges Feuerwerk und mein Leben lag so klar vor meinen Augen, wie noch nie zuvor. Ich wusste, dass ich mich nun endlich gefunden hatte und machte dann Nägel mit Köpfen. Ich war bereit, mich meiner Familie zu stellen.

Wie es der Zufall wollte, war am Tag nach unserer ersten gemeinsamen Nacht ein großes Familientreffen anberaumt worden und das war für mich die Gelegenheit. Noch berauscht von der Nacht und mit einem Glanz in den Augen, den ich zuvor nicht kannte, nahm ich meine Freundin an die Hand und ging mit ihr gemeinsam zu dem Treffen. Ohne große Umschweife machte ich meiner Familie weniger mit Worten als mit Taten klar, wer die Frau an meiner Seite war.  Das war vielleicht nicht gerade die sanfteste Art, aber sehr hilfreich, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Der einzige, der nicht gerade sehr überrascht war, war mein Vater, der als einziger vorher schon etwas ahnte und mir schon längst ein Techtelmechtel mit meiner besten Freundin angedichtet hatte. Von meiner Familie sind mir mittlerweile nur mein Bruder und mein Vater geblieben, mit dem Rest habe ich keinen Kontakt mehr. Allerdings hat mein Bruder sehr lange gebraucht, um meine Homosexualität zu verdauen. Nach über 2 Jahren Funkstille hat aber auch er eingesehen, dass es keine Krankheit ist und somit nicht ansteckend. Seit dem habe ich ein wundervolles Verhältnis zu ihm und er ist der einzige, der sich mit regelmäßigen Anrufen von mir rühmen kann.

Ich denke, das wichtigste für ein Coming-Out sind wirklich die Freunde, die einem vorher Mut zusprechen und einem den Rücken stärken.

 

Melle 

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Stand: 16. March 2000