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Tim
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Kocherscheidt, Tim

 

                                     Mein „Coming out“

Ich bin Transsexuell ( Frau zu Mann ) und bin gebeten worden, doch ein paar Zeilen über mein Coming out zu schreiben. Ein Schriftsteller wird aus mir zwar nicht, aber ich werde mir größte Mühe geben.

Die härteste Zeit in meinem Leben liegt nun fast hinter mir. Ich habe das Ziel, als Mann leben zu dürfen endlich erreicht. Von den ersten Erkenntnissen bis heute ist es ein langer, steiniger Weg, der sich lohnt.

In meiner Kindheit hat sich alles schon abgezeichnet, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre. (Heute sind viele von diesen Problemen in meiner Kindheit erklärbar.)

Das, was alle gemerkt haben war, dass ich anders war als andere. Das fing bei festen Freunden (die ich nicht hatte) an, ging über den Hass weiblicher Kleidung an mir bis zum Hass gegen die eigenen weiblichen Körpermerkmale.

Als ich noch nicht wusste, welches Problem ich hatte, hatte ich große Schwierigkeiten in meinem Leben. Die Schule war eine Katastrophe. Von Gymnasium zur Realschule, und dann noch zur Hauptschule. Den Abschluß habe ich zwar gemacht, aber hätte ich mich besser auf alles konzentrieren können, hätte ich die Mittlere Reife schaffen können- nein müssen. Ein anderes Problem war auch, dass mich die Mädchen viel mehr interessierten. Viel mehr als die Jungs. Für mich war erst mal klar: Ich bin lesbisch.

Auch war ich oft krank – auf psychische Art. Es war sogar so schlimm, dass ich an Selbstmord dachte , und in der Klinik landete. Als ich das hinter mir hatte, kam der nächste psychische Knacks, und ich musste für ein halbes Jahr in den Schwarzwald in eine Psychosomatische Klinik. Dort hat der Arzt „Transsexuelle Tendenz“ festgestellt. Leider hat er meinen Eltern gegenüber nichts erwähnt. Das hätte vielleicht einiges einfacher gemacht. Diesen Bericht habe ich vor kurzem das erste mal gelesen.

Heute weiß ich, das dieser Arzt Recht hatte.

Ich hatte auch viele verschiedene Arbeitsplätze. Ich konnte nichts durchhalten, da ich mich immer unverstanden fühlte und daraus natürlich Probleme resultierten. 1993 kam langsam die Zeit, wo mir klar wurde , was mein Problem war. Alles ausgelöst durch eine Fernsehsendung. Über den Sender bekam ich Telefonnummern heraus, und dann habe ich mich mit einer Selbsthilfegruppe in Essen in Verbindung gesetzt. Und alle Leute die ich dort kennenlernte, haben mir auf meinem Weg sehr viel geholfen.

So, jetzt kam das schwerste. Wie bringe ich das meiner Umwelt bei?? Gute Frage. Sollte ich es Schritt für Schritt machen, oder lieber alle vor vollendete Tatsachen stellen? Ich entschied mich erst für die vorsichtige Methode. Später nach dem Motto: Entweder ihr akzeptiert mich wie ich bin , oder ihr lasst es bleiben.

In meiner Stammkneipe habe ich zum ersten mal gesagt, dass ich ab sofort Tim-Stephan heiße. Ein paar karierte Blicke- aber es war okay. Bei „fremden“ Leuten war das relativ einfach – aber zu Hause ?????

Zu Hause bei meinen Eltern (da habe ich gerade mal zu Hause gewohnt- ich bin sehr oft zu Hause ein- und wieder ausgezogen ) habe ich es durch die Hintertür versucht, weil mir erst der Mut fehlte , ihnen dabei ins Gesicht zu schauen. Ich hatte Angst vor totaler Ablehnung. Als erstes habe ich mir Herrenunterhosen gekauft, in die ich dann ein Paar Tennissocken steckte. Meine Brust habe ich in einen Nierengurt gezwängt. Gott sei Dank hatte ich nicht zu viel. Aber ich habe sie von Anfang an gehasst- genau wie die Periode.

Als darauf keine Reaktion kam , habe ich mir das Buch „Grenzübertritt“ von Renate Anders gekauft und offensichtlich auf dem Schreibtisch liegen lassen. Auch da kam nichts nach. Also musste ich allen Mut zusammen nehmen. Einen Tag bevor meine Mutter in den Ski- Urlaub fuhr , habe ich ihr geradeheraus gesagt, was mit mir  ist, und das ich vorhatte mich operieren zu lassen. Der Zeitpunkt war von mir wahrscheinlich pure Feigheit- aber so bin ich Diskussionen aus dem Weg gegangen. Erst war sie geschockt, aber als sie aus dem Urlaub wiederkam, war das Eis schon fast gebrochen. Heute haben wir das beste Verhältnis. Mein Adoptivvater reagierte ganz anders. Von dem Tag an , als er es wusste, wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben. Aber da er sowieso ein menschliches Arsch ist , berührte mich das nicht weiter. Was meinen „Halbbruder“ angeht- er hat zwar kein Problem damit, aber ich habe heute keinen Kontakt mehr zu ihm.

Die beste Reaktion kam von meinen Großeltern. Meine Oma ,( sie wird 85 Jahre alt) sagte nach kurzer Verdauungszeit . „Dann wollen wir dir mal einen Rasierer kaufen.“ Mein Opa ist leider vor 3 Jahren gestorben. Er hatte für mich aber mehr Verständnis wie manch jüngerer Mensch. Da können sich viele eine Scheibe von abschneiden.

Mit dieser Unterstützung meiner Familie waren alle weitern Schritte nur halb so schwer wie ich befürchtet hatte.

Ich habe mich zu dieser Zeit in einem Zoofachhandel als Verkäufer vorgestellt. Und zwar als Herr Tim Kocherscheidt. Mein Vorname war noch nicht geändert. Aber der Chef hatte Verständnis und es war für ihn kein Thema. Leider habe ich hinterher erfahren, dass seine Frau sehr wohl ein Problem damit hatte. Schade!  War ich den Job auch wieder los.

Die Reaktionen meiner Umwelt waren sehr unterschiedlich. Von den Hormonen wuchs mir schon ein Bärtchen und ich hatte schon eine tiefe Stimme.

Alle Menschen, die mich neu kennen lernten, hielten mich für einen normalen Mann (heute sage ich es kaum noch jemandem- das ist ja schließlich Vergangenheit). Da ich schon immer sehr maskulin aussah, wunderte mich das nicht. Aber es tat gut zu wissen, wie ich auf die Mitmenschen reagierte.

Einige von ihnen sind heute noch Freunde und Bekannte. Andere haben sich ganz abgewendet. Das ist sehr traurig, da diese Menschen mit Scheuklappen durchs Leben gehen. Von allem was sich außerhalb der Norm befindet, wollen sie nichts wissen oder sie zerreißen sich das Maul darüber.

Menschen, die mich auch vorher kannten sagen heute, dass sie viel besser mit mir zurecht kommen. Ich sei viel offener und freundlicher geworden. Nur einige von diesen  Menschen kannten mich als Frau und wollten mich als Mann aber nicht mehr kennen. Was soll ich über diese Menschen denken? Sind sie einfach nur überfordert? Ich weiß es nicht..

All die positiven Reaktionen haben mich in meiner Entscheidung gestärkt und mir gezeigt, das sie richtig war.

Zwar habe ich mir manchen dummen Spruch anhören müssen, aber nach einiger Zeit überhört man die. Der beste Spruch kam von meiner lesbischen Tante. Sie sagte: „ Das ist Verrat am Geschlecht. Ich kenne Dich nicht mehr.“ Fällt einem dazu noch was ein? Mir jedenfalls nicht.

Ja, meine Freundin. Wir sind jetzt seit fast 3 Jahren zusammen. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, als ich ihr gesagt habe, das ich Transsexuell bin (da war ich schon operiert). Ich habe es geradeheraus gesagt, nach dem Motto: den Mutigen gehört die Welt. Ihre Reaktion:“Ich liebe Dich. Dein Körper ist Nebensache. Außerdem habe ich von Bio-Männern die Nase voll.“ Ich liebe diese Frauund unsere zwei Kinder (10,12). Sie ist die Beste der Welt.

Die nächste schlimme Hürde waren die Eltern meiner Freundin. Wie würden sie wohl darauf reagieren ? Null Problemo! Sie wollten nur, das ihre Tochter glücklich ist. Und wir sind sehr glücklich.

 

Ein Nachsatz:

Alle negativen Erlebnisse haben mich gestärkt und mir ein dickes Fell wachsen lassen.

Alle positiven waren einfach nur schön

Ich bereue nichts.

                                                        D A N K E !!    an alle meine Freunde

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Stand: 16. March 2000