Dezember 2000 / Januar 2001

 

 

(bg) Hannelore Vonier, engagierte Feministin und Autorin: Ein Interview


 

Vita:

geboren:            1951, Sternzeichen Waage

 

Studium:            3 Semester klassische BWL/Kunsterziehung/Deutsch/Psychologie

 

Lehre:                Floristik

 

Arbeit:                Deutschlehrerin/selbständige Floristin mit 2 Blumengeschäften in München/Freie Malerin, mehrjährige Verkaufsausstellung in München/Werbeagentur

 

Familienstand:   heteroverheiratet, zwei erwachsene Stiefkinder

 

Ausbildung:       Fernstudium soziale BWL/Image-Consulting/Dienstleistungs-Marketing/Arbeit als Consultant für selbständige Frauen und Freiberuflerinnen/z.Z. Schreiberin und Web-Designerin

 

Homepage:        www.hannelore.de

 

 

" Wenn Du einmal die Augen aufmachst,

kannst Du nicht mehr zurück"

 

Im Gespräch mit Hannelore Vonier

 

BlesZ: Frau Vonier, würden Sie sich selbst als "Radikalfeministin" bezeichnen?

 

HV:      Wenn Feminismus bedeutet, sich gegen männliche Dominanz in der Gesellschaft aufzulehnen, dann bin ich eine Feministin. Radikal bin ich in vielerlei Hinsicht, denn ich halte mich nicht mit Symptomen auf, sondern suche die Ursachen, die "Wurzel" (radix=Wurzel=radikal) und mache sie mir (und manchmal anderen) bewusst. Dann verschwinden die Symptome von alleine. Z.B. bei Krankheiten funktioniert das sehr gut.

 

 

BlesZ:  Gab es in Ihrem Leben eine Art "Schlüsselerlebnis", welches Sie in die feministische Richtung zog?

 

HV:      Ja. Als in einer Therapie, die ganz andere Ziele hatte, aufkam, dass mich mein Vater jahrelang sexuell geschändet hat. Ich hatte über Jahrzehnte keinerlei Erinnerung daran - entsprechend tief war die Traumatisierung. Einmal damit konfrontiert, blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen, wenn ich nicht weiter Opfer sein wollte. Im Austausch mit anderen wurde mir mehr und mehr bewusst, dass in dieser Gesellschaft Einiges nicht in Ordnung ist. Mein Mann und ich haben damals eine harte Zeit durchgemacht und fanden uns danach in einer starken Opposition zur gesellschaftlichen Norm wieder. Wenn du einmal die Augen aufmachst, kannst du nicht mehr zurück.

 

 

BlesZ:  Zur Zeit bewegt die homosexuelle Szene die Diskussion über gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Einige Homosexuelle Vereinigungen sprechen davon, dass man sich dadurch heterosexuellen Gesetzmäßigkeiten unterordnen und patriarchale Strukturen innerhalb gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften implementieren würde.
Wie ist Ihre Meinung zu diesem Thema?

 

HV:      Die heterosexuelle Ehe ist eine rein patriarchale Erfindung, die mit natürlichem Verhalten nichts zu tun hat (entsprechende Nachweise in der Biologie und Psychologie). Die Mutter ist ja nicht nur für einen Jungen die erste Geliebte, sondern auch für das Mädchen. Warum sollte es also nur einem männlichen Wesen erlaubt sein, sein Sexualverhalten auf Frauen zu richten? Heterosexualität ist die natürliche Bedingung für Reproduktionsverhalten, aber nicht für unser Sexualverhalten allgemein. Studien haben ergeben, dass zwischen weiblichen Bedürfnissen und männlichem Sexualverhalten häufig eine große Kluft besteht. Männer sind anscheinend nur selten in der Lage, der Komplexität weiblicher Sexualität gerecht zu werden.

Homosexuelle Lebensgemeinschaften haben aber mit Sicherheit nicht allein die sexuelle Komponente als Motivation. Frauen wollen Beziehungen. Während 30.000 Jahren Matriarchat lebten die Frauen eines Clans ihr ganzes Leben lang zusammen in enger Gemeinschaft, Schwestern, Cousinen, Tanten, alle im gleichen Haushalt. Das Ergebnis sind starke, selbstbewusste, wirtschaftlich unabhängige und kompetente Frauen. Männer/Knaben wurden den Bedürfnissen der Frauen entsprechend integriert.
Im Patriarchat aber zeigt sich, wie manipulierbar und ausbeutbar Ehefrauen auf der Grundlage der Eindimensionalität geworden sind.
Lesbische oder bisexuelle Frauen haben wahrscheinlich die größere Chance, diesem patriarchalen Wahn zu entgehen. Unter solchen Verhältnissen halte ich es für sehr intelligent und gesund, wenn Frauen ihrer natürlichen primären Frauenbezogenheit folgen, die ihnen im patriarchalen Kontext genommen wurde, und sie auf eine seriöse, ökonomische Basis stellen. Von diesem Grundkonzept muss eine Frau nur abweichen, wenn sie Kinder haben will. Aber nichts hindert sie daran diese in der Gemeinschaft mit anderen Frauen großzuziehen. Oder mit anderen Männern und Frauen.
Lesbisch-verheiratete Frauen ordnen sich daher keineswegs patriarchalen Strukturen unter (das tun die Heteros!). Im Gegenteil: Sie kommen – unbewusst oder instinktiv? - auf alte matriarchale Werte zurück, wo Frauen durch Gruppenehen wirtschaftlich abgesichert waren.
Als nächsten Schritt sollten sie darum kämpfen, mit mehreren Frauen verheiratet sein zu dürfen! Damit wären die alten matriarchalen Verwandtschaftsverhältnisse in etwa wieder hergestellt – Verheiratete gelten ja als verwandt.

Anders sieht es allerdings bei homosexuellen Männern aus. Während lesbische Frauen ihre primäre Frauenbezogenheit leben, kehren homosexuelle Männer ihrer primären Frauenbezogenheit den Rücken.

            Eine Gleichstellung und/oder Solidarisierung mit homosexuellen Männern ist daher unüberlegt, weil Frau UND Mann primär mutter- bzw. frauenorientiert sind, das bedeutet für den Mann eine primäre Heterosexualität, für die Frau aber eine primäre Homosexualität. Das sind andere Voraussetzungen, die eine andere Problematik nach sich ziehen. Die patriarchatstypische Frauenfeindlichkeit bei homosexuellen Männern wird nicht unbedingt aus den gleichen Quellen gespeist wie die ebenso anzutreffende Männerfeindlichkeit lesbischer Frauen.

 

 

BlesZ: Wenn Sie drei Dinge innerhalb der Gesellschaft verändern könnten, welche wären das?

 

HV:      1. Abschaffung der institutionalisierten Religionsgemeinschaften, die richten den
   größten Schaden an

 

            2. Verteilung aller Ressourcen in Frauenhand, selbst die patriarchalsten Frauen
   würden schnell wieder lernen, was Integration bedeutet

 

3. Abschaffung aller Erzwingungsstäbe wie Polizei, Militär, Justiz usw.

 

 

BlesZ:  Eine hohe Anzahl lesbischer Frauen sind gleichzeitig auch Feministinnen. Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen "Feminismus" und "Lesbentum"?

 

HV:      Beide lehnen sich gegen männliche Dominanz auf. Die persönlichen Leidensgeschichten können individuell sehr von einander abweichen, aber das Ziel, männliche Herrschaft abzuschaffen oder sich ihr zu entziehen ist das gleiche.

 

 

BlesZ: Welche Rolle sollte der Mann in dieser Gesellschaft innehaben, um ein konfliktfreies Miteinander zwischen den Geschlechtern zu ermöglichen?

 

HV:      Die Rollen können je nach Persönlichkeit sehr vielfältig sein – vom Lehrer bis zum Künstler, vom Bruder bis zum Wahrsager. Außerdem können von einer Person mehrere Rollen gleichzeitig eingenommen werden. Die Rolle ist nicht das Kriterium, sondern der Bewusstseinsstand. Je höher der Bewusstseinsstand, desto größer ist die Fähigkeit zur Einsicht. Im Patriarchat leben die meisten Menschen sehr unbewusst: auf einem primitiven Level. Viele Männer, weil sie sich nicht entwickeln müssen, viele Frauen, weil sie sich nicht entwickeln dürfen. Die nehmen gar nicht wahr, dass sie selbst leiden und haben auch kein Mitgefühl für andere.

 

 

BlesZ:  Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen "männerfreien Zonen" und "patriachatsfreien Zonen" ?

 

HV:      Eine männerfreie Zone ist in jedem Fall patriarchatsfrei. Eine patriarchatsfreie Zone ist nicht unbedingt männerfrei. Männer gehören zu dem Geschlecht, das in einer männerfreien Zone ausgegrenzt wird. Patriarchat ist eine Ideologie, die von Frauen und Männern in einer patriarchatsfreien Zone nicht geschätzt wird.

 

 

BlesZ:  Das bedeutet also, dass Ihrer Meinung nach patriachales Gedankengut nur in Männerköpfen existiert? Die Pschotherapeutin Sidra Stone schreibt vom "inneren Patriachen", von dem sich Frauen befreien sollen. Ist das nicht ein Widerspruch?

 

HV:      Nein, ein Widerspruch ist das nicht. Der Job einer Psychotherapeutin ist, den Leuten die Dinge ins Bewusstsein zu rufen, bzw. zu veranlassen, dass sich Frauen und Männer ihre eigenen Prägungen bewusst machen. Personen beiderlei Geschlechts sind patriarchal sozialisiert, ohne dass es ihnen klar ist. Sprichst du es an, können sie darüber nachdenken.

Wenn ich ein Schild aufstelle "patriarchatsfreie Zone" müssen sich die Leute auch bewusst machen: Hey, gehöre ich da rein, will ich da rein, was ist überhaupt Patriarchat?

Da Patriarchat (grch.) "Herrschaft der Väter" bedeutet, ist eine männerfreie Zone patriarchatsfrei per definitionem (von den "Kessen Vätern" mal abgesehen ...).

 

 

BlesZ:  Haben Sie im Laufe Ihrer Arbeit und Ihres feministischen Engagements eine Veränderung innerhalb der (männlichen) Gesellschaft verzeichnen können?

 

HV:      Ja. Immer mehr Männer
- denken feministisch
- erzählen, dass sie mit einer Feministin verheiratet sind
- weisen andere Männer, die sich sexistisch verhalten, zurecht
- sind sich bewusst, dass sie selbst unter der Dominanz anderer Männer leiden
- schätzen/suchen weiblichen Rat oder bevorzugen eine Chefin
- sind zu einem Gespräch fähig, in dem Beziehung hergestellt wird, bzw. bemühen
  sich um ein solches Gespräch
- verwenden Frauensprache!

 

 

BlesZ:  Feminismus tritt in unterschiedlicher Art und Weise zu Tage, welche Art feministisch zu leben stößt bei Ihnen nicht auf Gegenliebe?

 

HV:      Feminismus wendet sich per Definition gegen das Patriarchat. Daran kann nie was falsch sein, egal wie eine Person das für sich umsetzt.
Manche Leute nennen sich feministisch, unterstützen aber das Patriarchat. Das sind dann keine FeministInnen per Definition, sondern Personen, die was nicht verstanden haben.

 

 

BlesZ:  Kann es Ihrer Meinung nach auch feministische Männer geben?

 

HV:      Ich bin mit einem verheiratet (grinst; Anm. der Red.). Ich könnte mit keinem anderen verheiratet sein.
Gäbe es keine feministischen Männer, würde ich mich nach einer Frau umsehen.

 

 

BlesZ:  Was wird Ihr nächstes Projekt/Buch sein?

 

HV:      Ich habe gerade die deutsche Version einer Web-Seite über das Matriarchat abgeschlossen (fast). Als nächstes folgt die englische.
Außerdem arbeite ich an einem Buch über Möglichkeiten und Techniken für die persönliche Entwicklung und Bewusstseinserweiterung. Es handelt von jenen Schätzen, die ich zwar nicht anfassen, aber über den Tod hinaus mitnehmen kann.
Daneben habe ich begonnen, starke Frauenakte zu malen, keine devoten Püppchen, sondern sinnliche Powerfrauen.
Für nächstes Jahr haben mein Mann und ich eine Stiftung zur Unterstützung der Matriarchatsforschung geplant. Das heißt: Betteln gehen für eine friedliche Zukunft.

 

 

BlesZ:  Werden wir Ihre gemalten Werke zu Gesicht bekommen? Zum Beispiel auf Ihrer Homepage zum kostenlosen Download?

 

HV:      Ich habe die Tendenz, meine persönlichen Entwicklungsschritte im Internet weiterzugeben. Als ich ein Buch schrieb, wollte ich es in Frauensprache schreiben, konnte aber die Regeln nicht. Also hab ich eine Web-Seite darüber gemacht, dabei hab' ich neutral zu formulieren gelernt und die Internet-Gemeinde hat auch was davon.
Also keine Angst - wenn ich vorzeigbare Bilder habe, werde ich sie auch zeigen!

 

 

BlesZ:  Sie leben zur Zeit in den U.S.A., sehen Sie in der feministischen Szene dort Unterschiede im Vergleich zur deutschen Szene?

 

H V:     Ja. Die feministisch engagierten Frauen haben Einfluss und Geld. Die können wirklich was bewegen, sie sind organisiert. Es ist beeindruckend, wie großzügig die AmerikanerInnen Geld spenden. Und so ziemlich alle Leute arbeiten irgendwo ehrenamtlich mit.
In einem Land, wo Geld und Zeit so großzügig gegeben werden, lässt sich vielmehr bewirken.
Die Auswirkungen sind ebenfalls zu spüren, allerdings liegen die Extreme weiter auseinander als in Deutschland. Wir wohnen in einer traditionellen Umgebung, da kannst du mit der einen Nachbarin reden und bekommst klare feministische Gedanken zu hören, auch wenn es um was ganz anderes geht; dann redest du mit einer anderen, da glaubst du, es hätte keine Frauenbewegung stattgefunden.
Wir hatten gerade Präsidentenwahl, da gab es vorher ganzseitige Zeitungs-Anzeigen von privaten frauenfreundlichen Organisation wie etwa dem "Planned Parenthood Action Fund" (Stiftung für geplante Elternschaft). So was kann ich mir in Deutschland vor einer Bundeskanzlerwahl nicht vorstellen.

 

BlesZ: Wir danken Ihnen ganz herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen weiter viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.

 

Das Gespräch führte Bernie.

 

Buchtip:

 

 


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Stand: 15. December 2000