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Homosexualität und Psychiatrie (nach einem Vortrag im Berner Arbeitskreis Psychiatrie-Theologie)
Ich war letztens im Internet und bin auf dieses Thema gestoßen, wo mir bewusst wurde, dass es da einen großen Zusammenhang mit der Beeinflussung auf unsere Gesellschaft gibt. Daher dachte ich mir, das wäre doch auch mal einen Artikel wert, denn der Ursprung für vieles liegt in der Psychologie. Immer noch werden Homosexuelle in unserer Gesellschaft diskriminiert, wozu die Psychiatrie wesentlich beigetragen hat, indem sie Homosexuelle mit psychiatrischen Diagnosen belegte. In psychiatrischen Lehrbüchern wurde Homosexualität als Perversion bezeichnet. Es galt als erwiesen, dass Homosexualität eine Störung der Entwicklung sei; es war die Rede von Unreife und einem Defekt. Homosexuelle wurden als narzisstisch und unfähig, eine partnerorientierte Beziehung zu führen, dargestellt. Starke negative Vorurteile bestehen überwiegend gegenüber männlicher Homosexualität und wurde stark als Tabuthema hingestellt. Während früher die Kirche dieser negativen Haltung die Begründung lieferte, indem sie gleichgeschlechtliche Liebe als widernatürlich oder als von Gott in der Bibel verboten bezeichnete, war es später die Psychiatrie, die der Gesellschaft die Argumente für die praktizierte Diskriminierung lieferte.
Vergangenheitsbewältigung in der KircheIn kirchlichen Kreisen wird heute eine intensive Diskussion über das Thema geführt; Pfarrer bekennen sich zu ihrer Homosexualität, ein homosexuelles Paar wird in der Kirche gesegnet, das Unrecht und das Leid, das die Kirche homosexuellen Menschen mit der religiös begründeten Verdammung angetan hat, wird thematisiert. Im Gegensatz dazu tragen Medizin und Psychiatrie kaum etwas zur Diskussion bei; man könnte auch sagen, sie treten geradezu auffällig leise. Dabei wäre zum Thema Homosexualität über einen mächtigen Wandel der psychiatrischen Lehrmeinungen zu berichten, über eine Änderung gleichsam um hundertachtzig Grad.
Der Stand des WissensHier eine kurze Zusammenfassung des heutigen Wissenstandes: · Homosexualität ist aus den psychiatrischen Diagnosesystemen verschwunden, sie wird nicht mehr als Krankheit betrachtet, · etwa 4 % der männlichen und 2 % der weiblichen Bevölkerung leben ausschließlich homosexuell, und zwischen ihnen und den eindeutig Heterosexuellen sucht eine breite Schicht von Menschen in bisexuellen Beziehungen eine Identität, · die psychosexuelle Identität, ob ein Mensch sich als Mann oder als Frau fühlt, ist etwa im dritten Altersjahr fixiert; die sexuelle Orientierung, ob ein Mensch sich von Männern oder Frauen sexuell angezogen fühlt, steht ungefähr mit der Pubertät fest, · auch homosexuelle Menschen haben stabile Liebesbeziehungen, · sorgfältige Untersuchungen haben ergeben, dass sich unter homosexuellen Menschen nicht mehr psychopathologische Auffälligkeiten finden als unter heterosexuellen, · es gibt keine Möglichkeit, die sexuelle Orientierung durch spätere Erfahrungen dauerhaft zu verändern; Homosexualität ist also nicht therapierbar, · die Hypothese, Homosexualität könne durch Verführung induziert werden, gilt als widerlegt Als pervers wird heute eine Form von Sexualität bezeichnet, die aus der Erniedrigung des Partners ihre Befriedigung bezieht oder die ausschließlich auf die eigene Befriedigung ausgerichtet ist. Es ist damit klar, dass Homosexualität nicht als Perversion bezeichnet werden darf. Laut Theorien, die aufgestellt wurden, geht die Homosexualität von dominanten Müttern aus, von denen die Ablösung nicht gelingt, und von einem schwachen Vater, der zur Mutter keine Alternative bietet, der die Ablösung von der Mutter nicht erleichtern kann. Diese Überlegungen ähneln ganz auffällig den Theorien zur Entstehung der Schizophrenie, die vor vierzig Jahren aufkamen, die sich als unhaltbar und schädlich erwiesen und von denen man gehofft hatte, sie seien endgültig beerdigt. Sie sind zwar empirisch nicht haltbar, wohl aber geeignet, in allen Eltern von homosexuellen Menschen Schuldgefühle zu verursachen. Als ziemlich unwissenschaftlich haben sich die Lehrmeinungen gemacht. Einige Psychiater und Psychologen haben sich unter dem Druck der Gesellschaft und unter ihren eigenen Vorurteilen zu Aussagen verleiten lassen, die sich aber mittlerweile als unhaltbar herausgestellt haben.
Umdenken heißt die DeviseHomosexuelle wachsen bis heute noch unter sehr schwierigen, psychisch traumatisierenden Bedingungen auf, daher ist das Umdenken in diesem Bereich sehr wichtig. In einem wesentlichen Aspekt ihrer Identität sind sie anders als die übrigen jungen Menschen, und je nach ihren familiären und gesellschaftlichen Umfeld werden sie als abnorm, verkehrt, sündig oder gar als pervers verurteilt. Sexualität ist ein mächtiger Antrieb - ein Motor, der es dem Menschen ermöglicht, sich einem andern in einer intimen Weise zu öffnen, was eine intensive Nähe und Auseinandersetzung und damit wichtige Reifungsschritte einleitet. Obwohl es in ihrer Minderheitssituation schwieriger sein mag, haben auch homosexuell veranlagte Menschen das Recht diesen Schritt zu tun. Schließlich ist es für jede Psychotherapie wichtig, dass der Patient in seiner individuellen Wesensart vom Therapeuten akzeptiert wird. Man kann nicht jemanden behandeln, wenn man einen wichtigen Aspekt seiner Identität als falsch, verkehrt, pervers und als das zu Behandelnde betrachtet. Dies gilt es eindeutig festzuhalten, gerade angesichts der heute von gewissen engstirnigen religiösen Gruppen propagierten Behandlungsmethoden".
Neue FragestellungenNeben der Erkenntnis, dass am Thema Homosexualität Vergangenheitsbewältigung überfällig wäre, ergeben sich aus der beschriebenen Diskriminierung einige interessante Fragen: · Warum stellt Homosexualität ein so starkes Tabu dar? Warum und für wen ist die Verdrängung so wichtig? · Was bedeuten die sich am Thema Homosexualität so deutlich zeigenden Unterschiede zwischen Mann und Frau? · Warum wirkt männliche Homosexualität so viel provozierender als weibliche? · Warum fühlen Frauen sich von Lesben und Schwulen weniger bedroht als Männer? · Warum haben fast nur Männer, und zwar homosexuelle wie heterosexuelle, und nicht auch Frauen eine Sexsubkultur mit Strich, Bars, Saunas usw.?
Ist Homosexualität eine Geisteskrankheit oder ein psychisches Problem?Weder noch!Homosexualität ist weder eine Krankheit, Geisteskrankheit noch pervers oder ein psychisches Problem, darin sind sich mittlerweile Psychiater, Psychologen und andere Profis in Sachen psychische Gesundheit einig. Früher wurden in Studien nur Lesben und Schwule untersucht, welche bereits in einer (psychiatrischen oder psychologischen) Behandlung waren. Die Geisteswissenschaftler waren deshalb in ihren Folgerungen voreingenommen und kamen aus diesem Grund zum falschen Schluss, dass es sich bei der Homosexualität um eine Geisteskrankheit handeln müsse. Seit aber auch Schwule und Lesben untersucht und befragt werden, welche sich nicht in einer Therapie befinden, zeigte sich, dass Homosexualität keine Krankheit ist und nicht behandelt werden kann und muss. Im Jahre 1973 bekräftigte die Amerikanische Psychiatrische Gesellschaft die Notwendigkeit der neuen unvoreingenommen Erforschung der Homosexualität dadurch, dass sie den Begriff "Homosexualität" aus der offiziellen Liste der Geisteskrankheiten strich. 1975 verabschiedete die Amerikanische Psychologische Gesellschaft eine Resolution, welche diese Entscheidung unterstützt. Die Organisationen kämpfen seither bei ihren Berufskollegen gegen das Stigma, Homosexualität sei eine Geisteskrankheit oder sexuelle Deviation, die aus der Welt geschaffen werden müsse. 1992 hat die letzte wichtige Organisation, die "World Health Organization" (WHO), Homosexualität aus dem Katalog der Krankheiten gestrichen.
Können Schwule und Lesben gute Eltern sein?Ja! In Studien wurden Kinder, welche von Schwulen und Lesben aufgezogen werden, mit Kindern verglichen, welche von heterosexuellen Eltern aufgezogen werden. Man konnte keine Unterschiede bezüglich Intelligenz, psychischer Entwicklung, Sozialverhalten, Beziehung zu anderen Kindern, Entwicklung der sexuellen Identität oder sexuellen Orientierung feststellen. Eine weitere Stereotypie über Homosexuelle ist die falsche Behauptung, dass schwule Männer die Neigung hätten, häufiger Kinder zu missbrauchen als heterosexuelle Männer; diese Aussage ist ausschließlich diskriminierend und beruht nicht auf wissenschaftlichen Daten.
Kann in einer Therapie die sexuelle Orientierung geändert werden?Nein! Auch wenn Homosexualität keine Geisteskrankheit ist und kein wissenschaftlicher Grund besteht, Homosexuelle in Heterosexuelle "umzupolen", kommt es immer wieder vor, dass jemand die eigene sexuelle Orientierung oder diejenige eines anderen Menschen (z. B. die des eigenen Kindes) ändern möchte. Es gibt sogar Therapeuten, welche solche Therapien durchführen und auch über erfolgreiche Wechsel der sexuellen Orientierung berichten. Genaue Untersuchungen dieser Berichte wecken aber Zweifel an der Richtigkeit: Viele Meldungen stammen nicht von Psychiatern oder Psychologen, sondern von Organisationen, welche aufgrund ihrer Ideologie die sexuelle Orientierung von homosexuell zu heterosexuell umpolen wollen. Behandlung und Ergebnis sind kaum dokumentiert, und die Zeit, in welcher die "erfolgreich Behandelten" nachkontrolliert werden, ist viel zu kurz. 1990 hat die Amerikanische Psychologische Gesellschaft festgestellt, dass kein wissenschaftlicher Beweis den Wechsel der sexuellen Orientierung durch eine Therapie belegt. Eine solche "Therapie" bewirkt in den meisten Fällen mehr Unheil als Heil. Der Wechsel der sexuellen Orientierung wäre eben nicht nur ein Wechsel des sexuellen Verhaltens, es müssten auch die gesamte Gefühlswelt, das Konzept, das jemand von sich selber hat, und die soziale Identität geändert werden. Es stellt sich sogar die Frage, ob es ethisch überhaupt vertretbar ist, etwas zu "therapieren", das keinen Krankheitswert hat und für die persönliche Identität der Person von größter Bedeutung ist. Nicht alle Schwulen und Lesben, welche sich in eine Therapie begeben, wollen ihre sexuelle Orientierung ändern. Die meisten suchen Hilfe in den gleichen Fragen, wie alle anderen Klienten auch. Zusätzlich brauchen manche psychologische Unterstützung beim "Coming Out" oder um mit Diskriminierung und Vorurteilen besser umgehen zu können. Kessy Quelle: Internet
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